Über das drohende Ende der Objektivität

Die Arbeit von Prüfern findet in der Regel nur dann öffentliche Aufmerksamkeit, wenn ein Unternehmen unerwartet in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät oder sich trotz der Existenz einer Internen Revision dolose Handlungen ereignen. Hier wird dann schnell die Zweckmäßigkeit der Prüfungsmethodik oder die der Prüfungsfunktion insgesamt in Frage gestellt.


Es gibt nur wenige Bücher aus dem Bereich Prüfungswesen, bei denen man von einem Quantensprung sprechen kann. Dazu gehört sicherlich Kreys Arbeit über den Risikoorientierten Prüfungsansatz, über den alle reden, den aber wohl immer noch niemand zu hundert Prozent umsetzt. Dazu gehört aber auch nun ein gerade erschienenes, in der Fachwelt bislang weitgehend unbekanntes Buch, das die Ideen von Luhmann und seiner Interpretation der Systemtheorie auf die Prüfungsmethodik überträgt.

Die Systemtheoretische Prüfungstheorie zeigt die Grenzen normativer Prüfungsansätze auf und ermöglicht die Entwicklung eines offenen und dynamischen Prüfungsansatzes. Im propagierten Systemischen Ansatz arbeitet der Prüfer mit den Besonderheiten der Organisation und zwar ohne einen vorgegebenen Fragebogen, ohne ein starres Soll, welchem die Organisation entsprechen muss, und ohne eine feste Bewertungstabelle für den Prüfungsbericht. Die Systemtheoretische Prüfungstheorie ist zu komplex, um sich auf die einseitigen traditionellen Annahmen einer Prüfung (objektive Aussage über eine Organisation, Unabhängigkeit und Neutralität des Prüfers) festzulegen. Mit dieser Theorie gibt uns die Autorin Petra Haferkorn ein neues Denkmodell in die Hand, das die Grenzen der bisherigen Ansätze erweitert, uns aber auch vor neue Herausforderungen in der Umsetzung stellt.

Was ist so neu daran? Die Systemtheorie argumentiert, dass es nebeneinander bestehende verschiedene Systeme gibt, die wenig oder keine Überschneidungen untereinander aufweisen, etwa ein Rechtssystem, ein Wirtschaftssystem und so weiter.

Von diesem systemischen Blickwinkel aus betrachtet, ist die Interne Revision Teil des Systems Unternehmen, oder, weiter gefasst, Organisation. Weil sie aber eben ein Teil des System ist, kann sie dem System gegenüber nicht objektiv sein. Objektivität, wir erinnern uns, ist eine unabhängige geistige Haltung für Interne Revisoren, die es ihnen gestattet, dem Prüfungsgegenstand gegenüber eine Haltung einzunehmen, die ein unbeeinflusstes Prüfungsurteil erlaubt.

Wichtig ist es zu wissen, dass dies zunächst nichts mit Ethik zu tun hat, oder mit einer speziellen Prüferethik gar, die eine Erwartung an die Angehörigen eines Berufsstandes formuliert, meistens im Sinne einer Erwartungshaltung: Du sollst oder du sollst nicht…

Oftmals wird anstelle von Objektivität fälschlicherweise von Neutralität gesprochen, ein Begriff, der in den Standards nicht vorgesehen ist und eher zur Verwirrung als zur Klärung beiträgt. Interne Revisionen sind unabhängig und objektiv, nicht aber neutral. Die Systemtheorie löst sich von diesem Ansatz. Verschweigen wollen wir nicht, dass das Buch einfacher zu lesen ist, wenn man sich mit Luhmann und seiner Theorie bereits beschäftigt hat.

 

Petra Haferkorn: Systemische Prüfungen

Systemtheoretische Prüfungstheorie und systemische Prüfungsansätze zur Einschätzung der Lebensfähigkeit von Organisationen

234 Seiten, Kt, 2010, € 21,95
ISBN 978-3-89670-932-5